Geschichte der Bahnhofsmission



1894 gründete der Pfarrer Johannes Burckhardt in Berlin die erste evangelische Bahnhofsmission, um Mädchen vom Lande zu helfen. Viele junge Frauen aus der Provinz strömten damals auf der Suche nach Arbeit in die prosperierende Reichshauptstadt. Kaum angekommen wurden sie noch am Bahnhof von Betrügern und Zuhältern abgefangen oder erhielten unseriöse Jobangebote. Die Bahnhofsmission nahm sich der Mädchen an und half ihnen beim Einstieg ins Großstadtleben. Das Beispiel machte Schule, auch in anderen Städten nahmen Missionen die Arbeit auf. Auch die katholische Kirche engagierte sich in der Bahnhofshilfe. So entstand die  Münchner Bahnhofsmission 1897 auf Initiative der deutsch-schwedischen Frauenrechtlerin Ellen Ammann. Um die Aktivitäten zu bündeln, kam es 1910 zum Zusammenschluss der beiden Kirchen: Die Bahnhofsmission wurde zur ersten funktionierenden ökumenischen Einrichtung. 

 
Bereits 1902 nahm die Bahnhofsmission Karlsruhe ihre Arbeit auf. Damals noch am alten Bahnhof in der Kriegsstr., dort wo heute das Bad. Staatstheater seine Heimat hat.

Bis 1933 kooperierten die Bahnhofmissionen auch mit jüdischen Hilfsorganisationen. Auf Informationsplakaten wurde zu Zeiten der Weimarer Republik trotz der Proteste von Antisemiten der jüdische Frauenbund erwähnt. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten ging der Betrieb der christlichen Bahnhofsmissionen zunächst weiter. Erst im Kriegsjahr 1939 wurden die 350 Missionen im Deutschen Reich verboten, an ihre Stelle trat die NS-Volkswohlfahrt.  Nach Kriegsende wurden die Bahnhofmissionen in den Besatzungszonen neu eingerichtet. Sie kümmerten sich um die vielen Reisenden, heimkehrenden Kriegsgefangenen oder Vertriebenen, die im zerstörten Deutschland auf der Suche nach vermissten Angehörigen, nach Arbeit oder Lebensmitteln umherirrten.

Ab den späten 1940er Jahren nahmen sich die Missionen auch der Flüchtlinge und Übersiedler aus der sowjetischen Besatzungszone - später der DDR - an.  In Ostdeutschland begegnete das SED-Regime den Bahnhofsmissionen mit Misstrauen, Mitte der 1950er Jahre wurden sie aufgelöst. 1956 kamen sogar mehrere Mitarbeiter wegen Spionageverdachts in Haft. Der Grund: Die enge Zusammenarbeit der Bahnhofsmissionen in Ost und West ließ die DDR-Staatsschützer Geheimdiensttätigkeit vermuten.  Nach Abschottung der deutsch-deutschen Grenze und dem Bau der Berliner Mauer 1961 erhielten allenfalls DDR-Rentner die Erlaubnis, in den Westen zu reisen, um Verwandte zu besuchen. Viele von ihnen hatten kein Geld für einen Restaurantbesuch. Sie wussten auch nicht, wo sie die Nacht verbringen sollten, wenn der Anschlusszug erst am nächsten Morgen fuhr. Die Bahnhofsmission half ihnen. 

Im Sommer 1989 flohen viele DDR-Bürger über die streng bewachte ungarisch-österreichische Grenze in den Westen. Von Österreich aus kamen sie – manchmal ohne Geld und Papiere - mit Zügen in die Bundesrepublik. Die Bahnhofsmissionen nahmen sie in Empfang und leiteten sie in Übersiedlerlager weiter. Gerade zu Beginn der Flüchtlingswelle, bevor die Notaufnahme durch Bundesgrenzschutz, Rotes Kreuz etc. in großem Stil organisiert wurde, war das Wirken der Missionen unverzichtbar. Nach der Wende konnten die Helfer in den blauen Westen und Windjacken auch wieder in ostdeutschen Bahnhöfen arbeiten.  Während der Unruhen und Bürgerkriege im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens zu Beginn der 1990er Jahre dienten süddeutsche Bahnhofsmissionen erneut als Anlaufstellen für Flüchtlinge, die per Bahn nach Deutschland kamen. Die Mitarbeiter versorgten sie und organisierten den Weitertransport in Auffanglager. 

In den letzten Jahren suchen immer wieder junge Frauen aus Osteuropa, die durch falsche Versprechungen nach Deutschland gelockt wurden, Hilfe und Beratung in den Missionen. Auch hier sind die Bahnhofsmissionen am Puls der Zeit. In der Karlsruher Bahnhofsmission startete 2011 ein deutschlandweit einmaliges Projekt mit dem Namen: Cosmobile Haushaltshifen, das sich jener Frauen aus Osteuropa annimmt und Hilfe leistet.

Die etwa 100 deutschen Bahnhofsmissionen werden von den beiden Kirchen finanziert, Zuschüsse fallen örtlich sehr unterschiedlich aus. Ohne Spenden wäre diese wichtige Arbeit nicht zu leisten. Die Räume stellt die Deutsche Bahn unentgeltlich zur Verfügung und übernimmt auch die Betriebskosten